121. Szene Wohnung Malinas und der FrauInnen/Tag
Küche. Die Frau macht den Kaffee. Sie neigt sich so tief über die Gasflamme, daß ihr Haar
fast Feuer fängt.
DIE FRAUleise in die Flamme: Mein Königreich!
Mein Land, das ich gehalten habe
mit meinen sterblichen Händen... mein herrliches Land... jetzt nicht mehr größer als
eine Gasflamme!... Nicht verbrennen! Ich darf nicht verbrennen!
Knapp bevor sie wirklich die Haare in die Flamme hält, reißt sie den Gasschalter noch auf
Null zurück. Schwer atmend richtet sie sich auf, ordnet Tassen und Kanne auf dem Tablett.
Ein letzter Versuch, den Alltag zu retten.
122. Szene Wohnung Malinas und der FrauInnen/Tag
Malina und die Frau sitzen einander gegenüber und trinken Kaffee. Malina betont
uninteressiert. Die Frau mustert ihn scharf, jede seiner Bewegungen.
DIE FRAU Malina...
MALINA Ja?
DIE FRAU Malina... Wenn du mich jetzt nicht aufhältst, ist es Mord!
MALINA Mord?
DIE FRAU Ja. Aber du wirst es nicht gewesen sein!
Sie stellt ihre Tasse ab. Sie geht zur Wand, schaut einen Augenblick auf das Leukoplast, das
sie über den Riß geklebt hat, nimmt dann ein Ende des Klebestreifens und reißt entschlossen
daran. Ein Ruck geht durch die Wand, als sie den Klebestreifen abreißt, wie ein Blitz, der
einschlägt. Es wird einen Moment hell wie von einem gezackten Blitzschlag – Riß am
Himmel. Dann ist die Frau verschwunden.
aus: Isabelle Huppert in Malina. Ein Filmbuch von Elfriede Jelinek.
Nach dem Roman von Ingeborg Bachmann. Mit Mathieu Carrière als Malina in einem Film von Werner Schroeter .
Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 148-149.
Jelineks Drehbuch basiert auf
Ingeborg Bachmanns
Roman Malina (1972). Der Film wurde in französischer und deutscher Sprache gedreht, die französische Dialogbearbeitung stammt von
Patricia Moraz
, die Synchronisation wurde von der Berliner Synchron GmbH vorgenommen. Jelineks Drehbuchtext wurde 1991 als Filmbuch veröffentlicht.
Das Drehbuch ist in 123 Szenen gegliedert. Jelinek verarbeitete in ihrem Text zahlreiche Zitate aus der Romanvorlage. Wie in
Bachmanns
Roman ist das Fortbestehen faschistischer Machtstrukturen (
Gewalt
) in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern auch ein zentrales Motiv des Films. Bei Jelinek werden die Machtverhältnisse zwischen
Mann
und
Frau
in der Sprache kenntlich gemacht. Betont wird im Drehbuch auch die Auseinandersetzung mit weiblicher und männlicher
Sexualität
sowie der Umgang mit den Verbrechen des
Nationalsozialismus
in
Österreich
. Besonders hervorgehoben wird die Dreiecksbeziehung zwischen der Frau, Malina und Ivan. Einige Szenen, die nicht im Roman vorkommen, verfasste Jelinek auf
Schroeters
Wunsch. Bei einem Vergleich des Drehbuchtexts mit dem Film werden viele Eingriffe des Regisseurs in den Text evident.
Der Film ist ab 16 Jahren freigegeben, das Prädikat der Filmbewertung ist „besonders wertvoll/sehenswert“. In mehreren Rezensionen und wissenschaftlichen Beiträgen wurde
Schroeters
filmische Adaption kritisiert. Kritikpunkte bezogen sich auf die Art der Charakterisierung und Psychologisierung der Frau und das damit verbundene Frauenbild, Vereindeutigungen von Sequenzen, die im Roman in der Schwebe gehalten werden, Reduktionen bei der Auseinandersetzung mit dem Geschlechterkampf sowie Anspielungen auf
Bachmanns
Biographie (z.B. durch das im Film präsente Feuer). Trotz der Änderungen, die
Schroeter
an ihrem Drehbuchtext vornahm, verteidigte Jelinek die filmische Umsetzung des Drehbuchs in Interviews.