Unruhiges Wohnen
Uraufführung am Linzer Posthof, 1991. Foto: Susanne Schwierz
Uraufführung am Linzer Posthof, 1991. Foto: Susanne Schwierz
Komposition für das Zuspielband des Tanztheaters |
Roman Haubenstock-Ramati
Sprecherin des Zuspielbandes:
Elfriede Jelinek
Jelinek, Elfriede
:
Unruhiges Wohnen. In: manuskripte 112 (
1991
), S. 7-9
.
Jelinek, Elfriede
:
Unruhiges Wohnen. In:
Gerbel, Karl
:
„Out of control“. ars electronica 1991.
Linz
:
Veritas-Verlag
1991
, S. 64-70
.
Jelinek, Elfriede
:
Unruhiges Wohnen. In: Programmheft des Opernhauses Zürich zu Unruhiges Wohnen / Ikarus
1991
.
Jelinek, Elfriede
:
Unruhiges Wohnen. http://www.elfriedejelinek.com/fwohnen.html (15.7.2014)
1998
(= Elfriede Jelineks Website, Rubrik: Theatertexte).
Jelinek, Elfriede
:
Unruhiges Wohnen. In:
Hammerstiel, Robert F.
:
Glücksfutter.
Heidelberg
:
Kehrer
o. J.
, S. 6-9
.
Jelinek, Elfriede
:
Unruhiges Wohnen. In: k ein haus. Szenischer Parcours in zehn Stationen.
Edition Graz
Wien
:
Sonderzahl
2013
, S. 27-34
.
UA | 12.9.1991
Linzer Posthof
(im Rahmen der
ars electronica
), Koproduktion der
ars electronica
und des
Opernhauses Zürich
Choreographie, Bühnenraum, Kostüme und Licht:
Bernd Roger Bienert
; Projektionen, Bilder:
Jürgen Messensee
Vorberichte
Rezensionen
14.5.1993
Opernhaus Zürich
Choreographie, Bühnenraum, Kostüme und Licht:
Bernd Roger Bienert
; Projektionen, Bilder:
Jürgen Messensee
14.7.2005
Choreographie, I und Video: , I:
Bernd Roger Bienert
13.5.2013
literatur haus graz
(im Rahmen des Szenischen Abends k ein haus anlässlich des 10-jährigen Bestehens des
Literaturhauses Graz
)
, I:
Danielle Strahm
Jelineks
Essays über Jürgen Messensee
Das Wort „Wohnen“ bedeutet bei Elfriede Jelinek „das Leben“. Das ganze Leben
spielt sich eigentlich zu Hause ab. Also „unruhiges Wohnen“. „Unerträgliches
Leben“. Direkt ist Jelineks Text mit der Musik nicht zu realisieren. Also kein
Naturalismus. So gab es für mich nur die Möglichkeit, das Ganze zu poetisieren. Das, was
geschieht, diese schreckliche Tat, das Zerschlagen eines Kindes hat etwas von einem
Alptraum. Und genau diese Dimension öffnet einen Raum für den musikalischen
Zugang. Zunächst also die Stimme und dazu einige poetisierende Klangschichten. Jelineks Stimme: ohne Espressivo, wie das Lesen eines Krankheitsbefunds. Eine Diagnose: ganz kalt, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Bestimmte Pausen
zwischen den Sätzen. Dann der Versuch, mittels Elektronik, Computer und Synthesizer
die Stimme zu verändern. Aufsplitterung der normalen Sprache in mehrere
Schichten: wie von fern: ganz leise, dann multipliziert. Gewisse Sätze
übereinandergesetzt, dann Klangveränderungen. Einerseits auf eine männliche, harte Sprache
hinaufgesteuert, andererseits auf die Stimme des Kindes hinuntergesteuert. Das gibt eine ganze Klangskala der Stimme, wobei ich sie quasi unterstreiche: durch
Temporelationen, Schnitte, Rhythmisierungen, bis hin zu einem retrograden Ablauf
der Sprache. Wir haben also den Originalklang der Stimme mit verschiedenen Veränderungen,
auch Verlangsamungen – das allein ergibt schon die Musik in sich selbst. Alles
wird Musik: auch das Wort. Es ergeben sich Mehrstimmigkeiten: nicht nur Sätze,
auch Worte werden zerschnitten und übereinander geschichtet. Die verschiedenen
Stimmschichten sind schließlich umgeben von einer Hülle von Geräuschen und
harmonischen Klängen, die zwischen secco, ganz secco und sehr, sehr weitem Hall
liegen. Die Suche nach einer „richtigen“ Musik resultiert schließlich im Versuch,
der Sprache harmonische Klangwelten gegenüberzustellen. Zwei lange
computergesteuerte Klangschichten. Das alles für eine Kontinuität von 50 Minuten. Aspekte des Traums: die Verwandlung der Stimme in männlich/kindlich ist
gemeinhin nur vorstellbar wie innere Stimmen im Traum, aber daraus entwickelt sich
nun eine Kunst-über-Kunst-Relation zu einer schrecklichen Sache, die umhüllt wird
in eine Form, die diesen Prozeß am Rande der Unerträglichkeit zum Schluß als Teil
des Lebens erträglich machen soll. Kunst ist im Grunde dazu da, das Leben erträglich zu machen. Und: es ist eine Art Sehnsucht in diesem musikalischen Ganzen. Eine Sehnsucht nach Ruhe. Auch nach einem Kind.
Jelinek verfasste den Text für das gleichnamige Tanztheater von
Bernd Roger Bienert
, das am Linzer Posthof im Rahmen der ars electronica 1991 uraufgeführt wurde. Der Text, der nicht auf Figuren aufgeteilt ist, hat einen realen Fall als Grundlage: ein Baby wurde von seinen Eltern (
Familie
) an die Wand geschmissen, weil es beim Sex störte (
Sexualität
,
Gewalt
).
Der Text war bei der Uraufführung parallel zum Getanzten im originalen Wortlaut durch die Stimme der Autorin präsent: Der Komponist
Roman Haubenstock-Ramati
hatte für das Zuspielband eine Aufnahme, auf der Jelinek den Text liest, elektronisch bearbeitet und sie mit Geräuschen und harmonischen Klängen umgeben. Für Aufführungen in Zürich (1993) und Wien (2005) erarbeitete
Bienert
weitere Fassungen. Für die erste Fassung steuerte der Maler
Jürgen Messensee
großformatige Bilder bei, die als Projektionen auf im Raum verteilte weiße Flächen ins Bühnenbild integriert wurden.