Keine Vernachlässigung meiner selbst erlaube ich mir. Dieses Kind ist nicht aus einer Laune geboren, es ist, woran ich lebe. Dieses Kind wurde geplant, sorgfältig habe ich mir seinen Vater ausgesucht, das ist wohl das mindeste. Verantwortung gegenüber der Natur! Nur wertvolle Frauen können der Welt auch etwas schenken. Ich bin guten Muts, ich bin guten Bluts. Der Wert unserer Personen wird immer höher, ja, wir räumen unsren Raum auf! Wir fühlen uns wohl! Dann spricht in die Stille hinein unser Wesen seine Sprache, mit der es sich die größte Mühe gibt. Aber das ist es wert. Ich habe Wünsche hinsichtlich meiner Zukunft, scheue mich aber nicht, auch die Gegenwart schon in Besitz zu nehmen. Solang es meinem Kind gut geht, darf es leben.
aus: Elfriede Jelinek: Totenauberg (Gesundheit!). In: manuskripte 110 (1990), S. 126-128, S. 126-127.
Es handelt sich um den Monolog einer jungen
Frau
mit einem Säugling im Arm. Sie thematisiert in ihrer Rede den Mythos
Natur
(mit Bezug auf
Martin Heideggers
Philosophie
), führt den Mythos
Mutter
als Teil des Mythos vor und vertritt das Leistungsdenken
Peter Singers
, auf dessen Schrift Praktische Ethik am Ende des Textes verwiesen wird, wenn sie sich anmaßt, über Leben und
Tod
ihres Kindes entscheiden zu können. Der Text wurde von Jelinek danach in ihren Theatertext
Totenauberg (1992)
eingearbeitet.