Frau Jetzt werde ich ein bisserl meinen Fuß prüfen, weil mit einem Holzfuß nimmt mich keiner mehr. Dabei bin ich diejenige, die nimmt! Die Siegerin nimmt alles!
Ich bin die Erwünschte, doch anstatt freudig als Paket anzukommen, öffne ich mich selbst und verschlinge meinen Empfänger. Ich bin unersättlich wie Wasser, das seinen Fahrgast,
diesen ewigen Schwarzfahrer, umschließt.
Ich lasse mich nur ganz wenig in die Wanne. Nicht zu warm und nicht zuviel.
Andi Der Arnie, der hüllt sich in seinen Körper, als ob der Körper schon er selber wäre, und er schreibt auch noch was drauf! Er schreibt Filmstar drauf.
Und er schreibt mir, wieviele Sätze, Sekunden, Minuten er mir vorausgeeilt ist. Er ist Jesus! Mein Gott, er ist ja mein Gott!
Frau Heute ist vom unvollkommenen Körper zu sagen, daß jeder selber schuld ist, wenn er ihn hat. Schnell wegschmeißen! Oder mich anrufen,
falls Barmittel oder Realitätenbesitz vorhanden. Ja, bitte rufen Sie mich noch während der Absendung an! Ich schicke jeden von Ihnen weg! Rufen Sie mich nur an! Die Schwachen,
Unvollkommenen können froh sein, daß sie jemanden wie mich haben, vorausgesetzt, es zahlt sich aus! Natürlich für mich. Ich schaue meinen Burli an und weiß: wui! der ist tot.
Da kann man nichts machen
aus: Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth: Todesraten . In: booklet zur CD Neuwirth, Olga: Todesraten. Hörstück nach zwei Monologen von Elfriede Jelinek. Wien: col legno 1999 (= audio music book).
Todesraten
ist die erweiterte Fassung von
Neuwirths
Komposition
Elfi und Andi
, wobei die Textgrundlage auch hier die zwei Monologe von Andi und der Frau bilden, in denen Jelinek auf zwei reale Fälle anspielt: den Kriminalfall der „Schwarzen Witwe“
Elfriede Blauensteiner
, die mehrere pflegebedürftige ältere Menschen mittels Gift ermordete, um an ihr Vermögen zu gelangen, sowie auf den Fall des Bodybuilders
Andreas Münzer
, der aufgrund massivem Dopings an multifunktionalem Organversagen starb. Diese beiden Monologe wurden dann auch Teil von Jelineks Theatertext
Ein Sportstück (1998)
.
Im Hörspiel wechseln sich die Monologpassagen Andis und der alten Frau ab oder werden an bestimmten Stellen gleichzeitig gesprochen. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld von
Körper
,
Sport
und
Tod
. Mit dem Titel Todesraten wird auf
Ingeborg Bachmanns
Sprachspiel „Todesarten – Todesraten“ in ihrem Roman Malina Bezug genommen.
Jelineks Essay
Death of a not-for-ladies’ man (1996)
Jelineks Essay
o. T. (über Olga Neuwirths Todesraten) (1997)
Jelineks Essay über Olga Neuwirth