CHORIST 2: Wir haben uns auf den Kirchenboden gelegt,
denn Gott ist für alle da, diese Grenze hat der Gesetzgeber definiert, Ihr
Gott endet dort, wo unsrer anfängt.
CHORISTIN 5: – das ist so ähnlich wie mit der Freiheit,
da darf niemand eingreifen und auch der Staat nur, wenn er ein Bedürfnis
hat, in unsere Freiräume einzugreifen, oje, jetzt hat er grad das Bedürfnis,
er will uns wegräumen, und der Staat öffnet den Eingriff und schlägt über
uns sein Wasser ab, noch mehr Wasser, vielen Dank, das haben wir noch
gebraucht!, er hat halt das Bedürfnis, grade jetzt hat er es sehr, ganz
besonders, und wenn er es hat, dann muß er, er muß, er respektiert das
Zusammenleben, aber er bestimmt, mit wem, er sagt, wer zusammenleben darf
und wer nicht, und dann respektiert er das, aber nur bis zu einer bestimmten
Grenze, dann muß er es nicht mehr respektieren, er als einziger muß das
nicht.
CHORISTIN 3: Zum Beispiel beim Schwimmen. Nein, das ist
mir jetzt zu blöd. Was ist beim Schwimmen? Ein Kopf-an-Kopf-Rennen? Damit
wir uns danach gegenseitig unsere Wertschätzung aussprechen können? Wieso
müssen wir dazu erst ins Wasser gehn, glitschig vom ausgeronnenen Diesel,
untergehn, aus fremden Fingern rutschen wie Fische, um uns zu schätzen? Wir
können doch gleich ertrinken, im Boot noch erschlagen werden, über Bord
geworfen, krank werden, einfach so sterben, eine Totgeburt haben, und das
Tote fliegt raus, über Bord, ja, sowas passiert schon auch mal, von der
Bahnsteigkante gestoßen, uns die Kante geben, nein, das nicht, falsche
Region, falsche Religion, wir können ebenso allgemein oder besonders
verprügelt werden, wieso müssen wir dazu ins Wasser? Bitte, manche von uns
kommen aus dem Wasser, wo sie zufällig nicht verhungert, verdurstet oder
ertrunken sind, aber sie wollen nicht wieder rein.
aus: Leonhard Koppelmann: Die Schutzbefohlenen. Hörspieltyposkript, Bayerischer Rundfunk 2014.
Die Hörspielbearbeitung wurde als Koproduktion des Bayerischen Rundfunks mit dem ORF realisiert. Im Gegensatz zum Theatertext Die Schutzbefohlenen , der keine konkreten SprecherInnen ausweist, ist Der Text des Hörspiels auf fünf ChoristInnen aufgeteilt, die teilweise einzeln, teilweise gemeinsam sprechen. Der Text ist in 16 mit römischen Ziffern markierte Abschnitte und acht Litaneien gegliedert. Bei der klanglichen Realisierung wird mit unterschiedlichen Geräuschen (dem Rauschen von Wasser, fliegenden Hubschraubern) und Musiksequenzen, die parallel zu den gesprochenen Passagen im Hintergrund zu hören sind, gearbeitet.
Wie schon im Theatertext stehen die Themen
Fremdenfeindlichkeit
,
Flucht
sowie politische Versäumnisse (
Politik
) in Hinblick auf den Umgang mit Geflüchteten im Zentrum.