Elfriede Jelinek: Bei den „Ausgesperrten“ finde ich, daß Franz Novotnys ästhetische Methode Filme zu machen, und meine Art zu schreiben, wirklich kongenial sind. Weil wir beide mit dieser Ironie arbeiten und dieser Distanziertheit. [...]
TIP:Inwieweit müssen Sie unterschiedlich arbeiten, wenn Sie einen Stoff wie die „Ausgesperrten“ als Roman, Drehbuch und Hörspiel verarbeiten?
Eigentlich bin ich nicht sehr dafür, die Stoffe so auszunutzen. Klar, wenn ich es nicht nötig hätte, hätte ich es auch nicht gemacht. Wobei gerade bei den „Ausgesperrten“ die Hörspielfassung sehr eigenständig ist,
das könnte ich bei der „Klavierspielerin“ nicht, deswegen mach ich es auch nicht. Beim Drehbuch ist es so, daß ich nie alleine eines schreiben könnte, das ist auch bei den „Ausgesperrten“ eine absolute Doppelautorenschaft, der Franz hat da mindestens ebensoviel
eingebracht, wenn nicht mehr sogar. Ich meine auch, daß der Regisseur mindestens die Hälfte in den Text miteinbringen muß. Beim Hörspiel ist es so, daß es eine eigenständige Kunstform ist, die ich wirklich alleine beherrsche, es ist ja auch nur Sprache – es ist
zwar immer noch eine Regie dabei, aber... im Film kann man auch keine Dialoge schreiben wie im Hörspiel, im Hörspiel kann man eine sehr künstliche Sprache schreiben, das geht im Film nicht, das wird lächerlich. Außer, und das will ich dieses Mal versuchen, man
verwendet wirklich eine kongeniale Filmästhetik wie Fassbinder oder Schroeter, denen das gelungen ist – da werden ja auch keine normalen Dialoge gesprochen.
aus: Thomas Honickel: Gesellschaft auf dem OP-Tisch. TIP-Interview mit Elfriede Jelinek . In: tip 22 (1983), S. 160-163, S. 162.
Jelinek verfasste das Drehbuch zusammen mit
Franz Novotny
. Die Autorin, die sich in ihrem Drehbuch auf einen realen Kriminalfall aus den 1960er Jahren bezog, hatte den Stoff zuvor bereits als Hörspiel (
Die Ausgesperrten
, 1979) gestaltet, nachdem aus einem Film-Projekt mit dem Stoff nichts geworden war. Ihr gleichnamiger
Roman
(1980) entstand gleichzeitig mit dem Hörspiel, wobei das Hörspiel noch vor dem Roman fertig war und
am 4.10.1979 erstmals auf SWF 2
gesendet wurde. Der Roman bildete die Grundlage für das Drehbuch, das ausführliche Kommentierungen und Erläuterungen der Figuren und der Handlung enthält. Jelinek baute im Drehbuchtext auch ihr Gedicht
ein (das Gedicht wird von Peter auf dem Schulfest unter dem Titel Le mépris – Die Verachtung als selbstverfasstes Festgedicht vorgetragen). Jelinek selbst spielt im Film Frau Egerer, eine Lehrerin der jugendlichen ProtagonistInnen Peter, Anna und Sophie.
Die Handlung des Films wurde von Jelinek ins Jahr 1959 verlegt. Die einleitende Szene spielt 1942 in einem Fronttheater. Jelineks Drehbuchtext wurde in der filmischen Umsetzung, die auch mehrere inhaltliche Änderungen gegenüber dem Drehbuch aufweist, stark gekürzt. Rainer, der Protagonist des Romans und des Hörspiels, wurde im Film in Peter umbenannt.
Ein wichtiges Motiv des Films ist die
Gewalt
(
Terrorismus
) innerhalb und zwischen den unterschiedlichen Schichten der
Gesellschaft
, die durch die jugendlichen Hauptfiguren, die im kleinbürgerlichen Milieu lebenden Geschwister Peter und Anna, die aus großbürgerlicher Familie stammende Sophie und den Arbeitersohn Hans (
Arbeiter
), repräsentiert werden. Diese Gewalt wird – vor allem in der Person von Peters und Annas Vater – mit dem
Nationalsozialismus
in Bezug gesetzt und kulminiert in dem Mord Peters an seinen Eltern und seiner Schwester (
Familie
) sowie (ebenso wie im Hörspiel, aber nicht im Roman) auch an Hans.
Der Film ist ab 16 Jahren freigegeben. Sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch in den Medien wurde der Film im Vergleich zum Roman unterschiedlich bewertet.